Tampons als Luxusgut? Periodenarmut in Deutschland

Nicht erst seit #pinkygate im April dieses Jahres hat die Periode immer mehr Plattform in gesellschaftlichen Debatten bekommen. Zu teure Hygieneartikel, die anhaltende Stigmatisierung und die zum Teil immer noch unzureichende Aufklärung junger Menschen über diese wichtige Körperfunktion sind immer wieder Thema in feministischen Diskursen und zunehmend auch darüber hinaus.

Doch es gibt nach wie vor starken Rede- und Handlungsbedarf, denn die Periode ist noch immer in den meisten Kontexten ein Tabuthema. Die Verdrängung des Themas durch die Stigmatisierung und die anhaltende Unterrepräsentation menstruierender Menschen* in Machtpositionen führen dazu, dass Probleme nicht breit genug diskutiert werden und nur Veränderungen schleppend voran gehen. Eines dieser Probleme ist die Periodenarmut auf globaler wie nationaler Ebene. 

Was ist Periodenarmut?

Je nach Berechnung gibt eine menstruierende Person in ihrem Leben ein paar hundert¹ bis mehrere tausend Euro² für Periodenprodukte wie Tampons, Binden, Slipeinlagen, Periodenunterwäsche oder Menstruationstassen sowie Schmerzmittel aus. Die tatsächlichen Kosten variieren stark – je nach gewählten Produkten und zusätzlichen Konsumartikeln wie Schokolade oder Wäsche, die ersetzt werden muss. Während einigen von uns die „Wohlfühlartikel“ wie Schokolade, Tee oder neue Wäsche möglicherweise wie Luxus vorkommen, so ist das für gar nicht so wenige Menstruierende in Deutschland bereits bei den Basisartikeln wie Tampons oder Binden der Fall. Sie sind zu teuer.

Mehrere tausend Menstruierende in Deutschland sind von Periodenarmut betroffen. Das bedeutet, dass sie sich die notwendigen Produkte für die monatliche Hygiene nicht leisten können, von Slipeinlagen für den restlichen Monat oder neue Unterwäsche bei Verschmutzung ganz zu schweigen. Periodenarmut betrifft vor allem wohnungs- und obdachlose Frauen, von denen die Arbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. für das Jahr 2018 etwa 59.000 zählte³. Wohnungslose Gefüchtete nicht inbegriffen. Aber auch Menschen mit sehr niedrigen Einkünften und in finanziellen Notlagen können betroffen sein.

Menschen, die sich keine Periodenprodukte leisten können, greifen oft auf unhygienische und unzureichende Notlösungen wie Socken oder Toilettenpapier zurück und setzen sich dadurch einem erhöhten Gesundheitsrisiko aus. Zudem werden sie an in ihrer Teilnahme am gesellschaftlichen Leben behindert, wenn sie ihren gewohnten Aktivitäten nicht nachgehen können, weil sie ihre Blutung nicht gut auffangen können. Periodenarmut ist sowohl auf finanzieller, als auch auf sozialer und gesellschaftlicher Ebene ein großes Problem.

Ins Handeln kommen: Aktivismus und Maßnahmen gegen Periodenarmut

Aber es tut sich was. Durch öffentlichkeitswirksame Aktionen und Aufklärungsarbeit verschiedener Akteuer:innen konnte bereits auf unterschiedliche Aspekte rund um die Schwierigkeiten der Periodenfinanzierung aufmerksam gemacht werden. Beispielsweise wurde nach einer erfolgreichen Petition der Aktivistinnen Nanna-Josephine Roloff und Yasemin Kotra 2020 die Steuer auf Periodenprodukte in Deutschland bereits von 19% auf 7% gesenkt. Auch in anderen europäischen Ländern wie Großbritannien, Spanien oder Frankreich sind Hygieneartikel für Menstruierende mit einem reduzierten Steuersatz versehen. In Kenia, Indien, Kanada oder Australien zum Beispiel sind diese Artikel sogar von der Steuer befreit⁴. Und in Schottland werden seit November 2020 in öffentlichen Gebäuden kostenlose Periodenprodukte zur Verfügung gestellt.

Der Verein Social Period e.V. macht auf das Thema der Periodenarmut bei obdach- und Wohnungslosen Menstruierenden aufmerksam und sammelt in Berlin Sachspenden für Bedürftige. Denn auch nach der Senkung der Mehrwertsteuer auf Periodenprodukte besteht das Problem der Periodenarmut weiterhin. Hygieneartikel für Menstruierende müssen für alle verfügbar sein, die sie benötigen. Länder wie Kenia oder Schottland machen bereits vor, wie weitere Verbesserungen erreicht werden können. Um auch in Deutschland eine hygienische und angenehme Periode für alle Menstruierenden zu ermöglichen, müssen wir dranbleiben, weiterhin auf das Problem Periodenarmut aufmerksam machen und Veränderungen fordern.

Normalize it!

Die Periode darf kein Tabuthema sein. Nur dann können Probleme wie die Periodenarmut endlich offen besprochen und konsequent angegangen werden. Schluss mit der Stigmatisierung. Normalize it!


*Menstruierende: Alle Menschen, die menstruieren, also die ihre Periode bekommen. Nicht alle davon sind Frauen (z.B. trans Männer oder andere Geschlechter). Und nicht alle Frauen bekommen ihre Periode (z.B. wegen ihres Alters oder Erkrankungen oder trans Frauen). Deshalb sprechen wir in diesem Zusammenhang nicht von Frauen.

 

Weiterlesen:

Social Period e.V.: https://www.socialperiod.org

Über die Situation von Menstruierenden auf globaler Ebene: https://erdbeerwoche.com/menstruation-international/

Rundum-Information über die Periode: https://erdbeerwoche.com

Biologisch basierte Informationen zur Menstruation: https://www.netdoktor.at/gesundheit/frauen/menstruation-5310

 

Quellen:

¹ Spiegel Online 2018, https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/tampons-binden-schmerzmittel-was-kostet-die-menstruation-a-1220188.html (22.04.2021)

² Huffington Post 2015, https://www.huffingtonpost.co.uk/2015/09/03/women-spend-thousands-on-periods-tampon-tax_n_8082526.html?guccounter=1 (22.04.2021)

³ Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. 2019, https://www.bagw.de/de/themen/zahl-der-wohnungslosen/index.html (14.4.2021).

⁴ Jetzt.de 2020, https://www.jetzt.de/politik/periodenarmut-warum-es-in-schottland-kostenlose-menstruationsprodukte-geben-soll (14.4.2021)

 

 

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